Rammstein soll nur Rammsch sein? Nein, natürlich nicht! Aber zu verstehen sind sie dennoch nicht leicht – wenn man denn über den Eindruck hinweggekommen ist, dass es vielleicht gar nichts zu verstehen gibt(?)
Zwei Gruppen, die keinen Zweifel an ihrer Message lassen, möchte ich dagegen im Folgenden vorschlagen: “Die Fantastischen Vier” und “Blumentopf”. Beides Hip-Hop – Gruppen der aktuellen deutschen Musikszene, beide mit absolut verständlichen Songs, beide einfach hip!
Zunächst aber einmal zu den Fantastischen 4, auch Fanta 4 oder F4, wie sie für die Insider heißen:
Die Fantastischen Vier

Ende der 80er Jahre gegründet, ist diese Gruppe aus Stuttgart seit den 90ern so erfolgreich, dass sie gleich mit mehreren Echos, dem berühmten deutschen Musikpreis, ausgezeichnet wurden. Der fünfte und vorläufig letzte für die “beste deutsche Rock/Pop-Gruppe 2008″ ist gerade erst dazu gekommen. Da zugleich auch der Sänger Herbert Grönemeyer als “Rock/Pop-Künstler des Jahres” geehrt wurde, hier ein Song aus dem neuen Album, an dem sowohl die Gruppe als auch der Sänger mitwirkt.
“Einfach Sein”
feat: Herbert Grönemeyer
Album: “Fornika” (2007)
[Smudo:]
Nein, komm, nein,
och Mensch, warum denn nicht?
Jetzt hab ich dich von dem Laden
über den Wagen
bis in den Vorgarten rumgekriegt
doch wir treten nur auf der Stelle
Versteh doch,
es geht um unsere Existenz
Vergiss das Materielle,
Vergiss den Job,
vergiss Mercedes Benz
Diese Welt ist in den Miesen
und vor allem braucht sie
endlich mal ’ne Entscheidung
Und was sie auch braucht,
ist die Liebe von allen,
da bin ich total deiner Meinung
Wir begreifen doch eh nix auf Dauer,
wenn wir nicht dauerhaft begreifen
Zweifeln wir an der Power,
dann powern wir nur unsere Zweifel
Und sie fragt „Echt?“ und ich sag „Ja, ja“
x
Und sie fragt „Echt?“ und ich sag „Na klar!“
Und sie kommt mit auf die Bude
und sieht top aus
Und ich sag „Ich bin der Smudo,
zieh dein Top aus“
x
[Herbert Grönemeyer:]
Es könnt’ alles so einfach sein,
isses aber nicht
Es könnt’ alles so einfach sein,
isses aber nich
x
[Michi Beck:]
Das hab ich mir irgendwie schöner gedacht
Ich glaub ich hab irgend ’nen Fehler gemacht
Ich hatte doch höhere Ziele
wollt Roederer trinken,
Vermögen verdienen über Nacht
Stattdessen sitz ich hier den ganzen Tag
Trink zuviel Kaffee, den ich nicht vertrag
Kopiere Papiere, die ich eh nicht kapiere
und später sortiere ich sie in ein Fach
Doch wo ist der Sinn, da wollt’ ich nie hin
Was bitte glauben die bloß wer ich bin?
Da kann noch was gehn,
ihr werdet schon sehn,
ich werde die Bude hier bald übernehm’
Und läuft der Laden erstmal wie ’ne Eins
dann ist das alles hier irgendwann meins
Ich bin der Pate und werde euch
Sklaven von allen Strapazen für immer befrein
Es könnt’ alles so einfach sein
Ich gönn’ allen ihr Eigenheim
Denn wir wollen eh keine Arbeit
dafür jede Menge Geld,
Wenn es geht keine Fragen,
die uns irgendjemand stellt.
x
[Herbert Grönemeyer:]
Es könnt’ alles so einfach sein, isses aber nicht
Es könnt’ alles so einfach sein, isses aber nicht
Es könnt’ alles so einfach sein, isses aber nicht
Es könnt’ alles so einfach sein, isses aber nicht
x
[Thomas D:]
Schließ deine Augen und atme tief
und hör’ mal auf
nur das zu glauben, was du siehst
Du weißt genau alles durchschauen,
das schafft man nie
Doch was du brauchst,
das ist Vertrauen und Fantasie
In einem sind eh alle gleich
und auch wenn es keinem so scheint
Obwohl wir nichts wissen,
weiß jeder Bescheid
Darin sind wir alle vereint
Dann fassen wir hier mal zusammen:
Hat alles mit dir angefangen
Du bist irgendwann
übers Wasser gegangen
Und wir sollen vom Affen abstammen?
x
Klar ham wir Fragen aber ’ne Antwort
ham’ wir leider nicht
Klar wolln wir fort
aber irgendwo ankommen
könn’ wir leider nicht
Wir wolln ’ne Formel für ewigen Reichtum
krieg’n wir aber nicht
Harrison Ford oder Xavier Naidoo
sind wir leider nicht
x
[Herbert Grönemeyer:]
Es könnt’ alles so einfach sein, isses aber nicht
Es könnt’ alles so einfach sein, isses aber nicht
Es könnt’ alles so einfach sein, isses aber nicht
Es könnt’ alles so einfach sein, isses aber nicht
x
Und nun zu meinem zweiten Vorschlag:
Blumentopf

Die Songs der 1992 in München gegründeten Gruppe zeichnen sich durch eine konsequente Verwendung des deutschen Sprechgesangs verbunden mit einem weiteren typischen Element des Raps, dem “Story-Telling” aus. Das Schöne an den Geschichten? Eine große Prise an Wortwitz bei der Erzählung ganz alltäglicher Lebens- und Beziehungsgeschichten. Mutig: auch an aktuellen Missständen in der Politik wird nicht vorbeigesungen.
Hier also eine ihrer Geschichten:
“Manfred Mustermann”
Album: “Gern geschehen” (2003)
Mir war von Anfang an klar: Möchtest Du hier überleben,
musst Du besser als der Rest sein; es kann nur einen geben.
Meine Chancen standen bei eins zu einer Million,
doch ich hab’ an mich geglaubt und es hat sich gelohnt.
Jetzt hab ich lang genug gewartet, meine Zeit ist gekommen;
dieser Platz wird zum Gefängnis, ich befrei’ mich davon,
ich spür’ den Luftstrom beim ersten Atemzug in meiner Lunge,
hör’ wie jemand sagt: “Glückwunsch, ein kerngesunder Junge!”
Die Wärme meiner Mutter wirkt beruhigend auf meine Nerven,
ich öffne meine Augen um ‘nen Blick nach draußen zu werfen;
alles ist neu für mich, doch ich bin neugierig,
und ich greif’ nach allem, was ich in die Fäuste krieg.
Hier gibt’s so viel zu entdecken, zu tasten, riechen und schmecken.
Ist das weich? Was passiert, wenn man es runterwirft? Kann man das essen?
Mama schau, ich lauf’, ich hab’s schon bis zum Schrank geschafft!
Und Papa ist so stolz auf meinen ersten ganzen Satz.
Ich kann schon über die Tischkante gucken, Mensch, jetzt bin ich groß!
Nur dass Papa immer arbeiten gehen muss find’ ich doof,
aber am Samstag füllt er das Planschbecken mit Wasser auf
und dann kommt Marie, das Mädchen aus dem Nachbarhaus,
wir spielen “Vater, Mutter, Kind”, später werd’ ich sie mal heiraten.
Zum Geburtstag will ich den großen Polizeiwagen.
Meine Mama sagt, ich soll die Zeit noch genießen,
bald musst Du zur Schule, dann ist es vorbei mit dem Spielen.
x
Ich hab ‘ne Bande mit meinen Freunden und ich find Mädchen echt ätzend,
kauf’ Panini-Bilder, doch bald sind sie verklebt und vergessen,
und mittlerweile muss ich literweise Clearasil zwecks Akne nehmen,
und es steigen Parties mit Schiebertanzen und Flaschendrehen.
” Mein Sohn, Du bist heute Abend wieder da Punkt zehn!”
Ja, mal sehen, wartet nicht auf mich, ihr könnt ruhig schlafen gehen.
Ehrlich, von meinen Eltern lass’ ich mir nix mehr sagen,
genau wie von Lehrern, ey fuck, die woll’n sich alle eh nur wichtig machen.
Nach meinem Zeugnis fragt mich doch später keine Sau mehr,
Mann, ich hab’n Traum, ich geh nach Lanzarote und werd’ Tauchlehrer.
Parties werden härter so wie die Alkoholika,
es sind Drogen da, und ich hab mein erstes Mal mit Monika.
Das ist ein großes Jahr und nichts wird mehr wie früher sein,
hab’ ständig Liebeskummer und den lang ersehnten Führerschein.
Auch die Schule lass’ ich halbwegs erfolgreich hinter mir,
aber Ausbildung? Nein danke, es ist das Leben das mich interessiert.
x
Ich wohn’ jetzt in ‘ner eigenen Wohnung und bin weg von zu Haus,
wohn’ in ‘nem Wohnblock in der Stadt und mach’ das Beste daraus;
ich träum von ‘nem großen Garten und ‘ner Dachterrasse,
doch leider bin ich stets im Minus bei der Stadtsparkasse.
Keine Mama ist mehr da die mir mein Essen kocht
und wenn ich an die Schule denk’, dann denk’ ich bloß: Ach hätt’ ich doch!
Ich find’ keinen festen Job, les’ in der Zeitung nur den Stellenmarkt,
und Moni zu verlassen, das war keine Heldentat,
und dann am selben Tag noch ins Bett mit Marie.
Wann ich das Inge erzähl? Na besser nie.
An der Bar ‘n Bier bestellt, im Club am Klo ‘n Näschen gezogen,
dann von den Bullen erwischt, die Taschen voller chemischer Drogen,
drum hab ich den Job verlor’n, der ganz in Ordnung war,
und wer zur Hölle erklärt mir bloß mein Steuerformular?
Ich sag, “Ich bin nicht wie die andern”, und merk selbst, wie seltsam es klingt.
Hey kann es sein, dass ich im Club wirklich der Älteste bin?
Freunde überholen mich im Porsche auf der Autobahn,
meine Zukunft hat schon längst begonnen, verdammt, ich brauch ‘n Plan!
Doch ich feier lieber Parties und hau mir die Birne weg,
und dann am Telefon Inges Vater, der Firmenchef,
redet irgendwas vom Geld verdienen bei ihm mit Internet,
weil er gern etwas solideres für seine Inge hätt’.
Nur wegen ihr macht er mir ‘n paar Angebote,
gut, arbeite ich halt bei ihm und tauch’ später auf Lanzarote.
x
Inge zeigt mir ihren positiven Schwangerschaftstest,
ich weiss zwar nicht so recht, doch lach’ sie an und halt’ sie ganz fest.
Inge wir heiraten, ich kann nicht neinsagen,
also Ringe kaufen, Aufgebot bestellen, Freunde plus Familien einladen.
Flitterwochen wie versprochen in Venedig,
kurz darauf im Sommer kommt das Baby unser Glück auf ewig.
David, vom Papa die Nase, Mama die Haare,
die strahlend blauen Augen von Opa, was für ein Knabe!
Das Leben macht Spaß und die Beförderung kommt,
der Mercedes ist schwarz, die Sekretärinnen blond,
und die Nachbarn sind neidisch auf ‘ne Familie wie uns,
das Kind und wir sind gesund, und alle lieben den Jungen.
Wir ziehen um in das große Haus am Stadtrand,
das Inges Eltern gehört, wo wir alle endlich Platz ham.
David spielt im Garten, ich schau’ vom Fenster aus mit Inge zu,
Die Ehe läuft harmonisch, ja fast so wie im Bilderbuch.
x
Neulich kam nach all den Jahren wieder ‘ne Postkarte von Monika
aus Lanzarote, und sie schreibt, sie wohnt jetzt da.
Es ist doch komisch, ha? Man sitzt in seinem Mecedes,
rast an allem vorbei und merkt es erst dann wenn es zu spät ist.
Jetzt ist mein Leben doch schon aus mit sechsundvierzig.
Ist doch kein Wunder dass man dauernd deprimiert ist,
meine Frau meint, ich soll zum Therapeuten, doch ich brauch kein’,
nicht so einen, mein Seelenklemptner bleibt ‘n guter Rotwein.
Mit Inge läufts auch nicht mehr so wie in den besten Tagen,
denn seit den Wechseljahren ist sie kaum noch für Sex zu haben.
David bleibt meine einzige Motivation,
in dieses doofe Büro geh’ ich doch bloß für meinen Sohn.
Wir tun doch alles für ihn, ham uns den Arsch aufgerissen,
und er hat den Tauchkurs schon nach vierzehn Tagen geschmissen.
Manchmal glaub’ ich, wir lassen ihm zu viel Freiheit;
David, vergiss nicht, um zehn musst Du daheim sein!
x
Jetzt bin ich dreissig Jahre in der Firma und das feiern wir,
mein Chef überreicht mir ‘ne Münze mit dem Firmenlogo eingraviert,
und bei den meisten zähl’ ich hier bereits zum alten Eisen,
aber den Youngsters kann ich immer noch das Wasser reichen.
Ich werd’ es allen zeigen, dass ich noch was beweg’
auch wenn sie meinen, meine Programmiersprachen sind nicht mehr up to date.
Na gut, ich hab vielleicht paar graue Haare,
doch das soll nicht heissen, dass ich nichts mehr an Energie und Power habe.
Nur die Familie macht mir grade bisschen Sorgen,
ich will, dass David studiert, nur daraus ist bisher noch nichts geworden.
Er sagt zu mir immer nur “Live your dreams!”,
doch ohne Ausbildung wird das nicht geh’n, denn dann wird er mal nix verdienen.
Und Inge wird nicht grade attraktiver mit den Jahren
drum geh’ ich aus und entdeck’ den Reiz, für Liebe zu bezahlen.
Ich ruf’ sie an, sage: “Schatz, heut’ komm’ ich später heim,
hab’ da ‘n Projekt, das muss bis morgen früh erledigt sein.”
Und mit meinen Inlineskates halt’ ich mich fit und gesund,
und auch wenn ich bald sechzig bin fühl ich mich immer noch jung,
doch dann kommt die Überraschung, David kriegt ‘nen Sohn von seiner Mona,
den kleinen Lothar, verdammt, jetzt bin ich Opa.
x
Es hieß, ich sei ein Teil der Firma, daran ändert sich nichts,
denn in der Abteilung sei noch keiner länger als ich;
sie sagten, sie bräuchten wirklich mehr Männer wie mich,
dann ham sie mir die Hand gedrückt und mich in Rente geschickt.
Und jetzt sitzt auf meinem Stuhl ein andrer hinterm Schreibtisch
und ich lös’ die Kreuzworträtsel in der Fernsehzeitschrift.
Denn ich langweil’ mich so ohne Beruf
und bin nur glücklich wenn mich mal der kleine Lothar besucht.
Ja ich brauche was zu tun, und deshalb geh’ ich in den Garten,
ich stutz’ die Hecken, jäte Unkraut und mäh’ den Rasen,
und im Winter sind wir wirklich niemals eingeschneit,
denn dann steh ich um sechs Uhr auf und räum’ die Einfahrt frei.
Und auch wenn ich von meinen Freunden schon die Namen vergess’
und mein Mercedes eigentlich kaum noch die Garage verlässt,
weil immer wenn ich im Schritttempo durch die Straßen schleich
gleich alle hupen und brüllen, “Ey jetzt fahr’ schon, Du Tattergreis!”,
will ich kein Leben auf dem Abstellgleis, weil ich noch Power hab’,
doch in letzter Zeit bin ich bei meinem Arzt ein Dauergast.
Denn laufend hab ich irgendwelche Wehwehchen,
und sind die einen vorbei, dann kommen die nächsten.
Meine Augen werden schlechter und mein Kopf wird kahl,
ich krieg ‘ne dicke Brille und ‘ne große Prostata;
ich bin so schwach, dass ich im Winter nicht mehr schneeräumen kann
und meine Hose fühlt sich oft wie’n feuchter Teebeutel an.
x
Ich hab mein Leben lang gebuckelt, und was hab ich davon?
‘Ne Minirente und ‘nen Sohn, der jedes Jahr einmal kommt,
und ich bin so froh, dass es Inge gibt,
denn ohne ihre Hilfe ging es nicht,
und wenn ich aufsteh’ wird mir schwindelig.
Und deshalb lieg’ ich eigentlich bloß noch in meinem Bett herum,
und statt “Auf Wiedersehen” hör’ ich nur “Gute Besserung”.
Inge sagt, ich werd schon wieder kerngesund
wenn ich nur immer brav meine Pillen nehm.
Doch ich kenn sie zu gut, und ich spür wenn sie lügt,
und ich fühl genau, dass alle wissen, was hier geschieht.
Ich hab kein’ Bock mehr, die blöden Medikamente zu nehm’,
seh zu den alten Photos rüber, die am Fensterbrett stehen.
Ich mit Inge frischverliebt am Markusplatz,
die Einschulung von David, das Bild von ihm zum Vatertag,
die Firmenurkunde, die ich zur Rente bekam,
und ich vorm Weihnachtsbaum mit meinem Enkel im Arm.
Vor meinen Augen zieht nochmal mein ganzes Leben vorbei,
ich wollte so vieles machen und hatte so wenig Zeit,
David lächelt mich an, Inge hält meine Hand,
und ich will nur noch schlafen – Mann bin ich müde, verdammt.
Tja, wer die Wahl hat, hat die Qual! Denn mein dritter und letzter Vorschlag lautet: Laden wir doch eine dieser Gruppen nach Madrid ein! Zum Beispiel im Rahmen unseres GI-Sommerfestes? Oder zur nächsten “Noche en blanco” im September? Hm – vielleicht lassen wir doch besser unsere Schüler entscheiden …
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